Die Siegesburg im 30-jährigen Krieg 

Vor 400 Jahren – Der Convent von Segeberg im März 1621

Das verschonte Thorhaus der zerstörten Siegesburg 1648

Segeberger-Schnapphähne-Aktion-August-2019

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Vor genau 400 Jahren hätte die Weltgeschichte – von Segeberg ausgehend – einen vollkommen anderen Verlauf nehmen können. Im Frühjahr 1621 fand auf der mächtigen Siegesburg der „Segeberger Convent“ mit dem Ziel statt, eine geballte Allianz gegen den katholischen Kaiser und dessen Verbündete zu organisieren. Doch trotz des Scheiterns dieses „Fürstentages“ mit der Folge einer ungehemmten Kriegsfortsetzung über zuletzt 30 quälende Jahre, wurde die riesige Burganlage auf dem Segeberger Kalkberg noch einmal zum „Nabel im europäischen Konflikt“. Wenn der Fürstentag in seinem Verlauf und im Ergebnis auch nicht das erhoffte Ergebnis zu erzielen vermochte, so tauchte das prächtige „Segeberger Schloss“ hier doch zum letzten Mal in seiner ganzen Pracht und Herrlichkeit aus seiner 500jährigen Geschichte noch einmal auf, bevor es wenige Jahre darauf für immer verschwand.


Doch hören wir mehr von ehrsamen Leuten, die es wissen müssen, denn sie waren auf dem „Segeberger Convent“ dabei – wenn auch auf sehr unterschiedlichen Posten: Hermann von Hatten hatte als Schlossvogt stets die Interessen seines Vorgesetzten, des Segeberger Amtmanns, auf der Burg zu vertreten. Und Jakob thor Borch, Bürger in Segeberg, war seinerzeit Vorsteher der Burgtorwache und konnte als Zeitzeuge das hektische Treiben jener Tage unmittelbar und an zentraler Stelle mitverfolgen. Alt und grau geworden und durch gemeinsam Erlebtes einander zugeneigt, saßen die beiden ungleichen Zeitgenossen Ende Oktober 1648 im kühlen Schatten einer ausladenden Linde. Herrmann von Hatten hielt den „Freud- und Friedenbringenden Postreuter“ vom 25. Oktober in seinen Händen. Endlich Frieden! Grässliche dreißig Kriegsjahre mit unendlichem Leid, mit Zerstörungen und Verwüstungen unvorstellbarer Ausmaße lag hinter ihnen. Angesichts der noch immer in Trümmern liegenden Schlossruine hoch oben über ihren Köpfen gingen ihre Erinnerungen zurück an das letzte Großereignis auf dem „Segeberger Schloss“, vom „Segeberger Convent“ im Jahre 1621.

Flugblatt 1648, Der Postreiter

Schloßvogt Herrmann von Hatten und Torwache Jakob thor Borch stoßen auf den Frieden von 1648 an

Von Hatten ließ deprimiert das Flugblatt mit der Friedensbotschaft sinken: „Mein Gott, lieber thor Borch, welch trauriger Anblick da oben auf dem Kalkbergrücken – alle Schlossbauten im Gipfelbereich sind ohne Dächer, der Pallas im Inneren ist vollkommen ausgebrannt wie eine hohle Fackel, vom Bergfried ist die obere Hälfte weggesprengt, unter seinem Trümmerberg liegt der Burgbrunnen vollkommen verschüttet … tagelang hat die herrliche Pracht vor sich hin gebrannt; noch in der nächsten Woche war die Rauchfahne bis hin nach Lübeck zu sehen! Man mag wahrlich nicht hinaufschauen zur Burg. Vielmehr zu dem, was davon übriggeblieben ist.“

Thor Borch legte seinen alten Morion beiseite: „Ja, der Schwed‘ hat ganze Arbeit geleistet, der verfluchte Torstenson, möge er in der Hölle schmoren. Der hat wahrlich gewusst, wie’s geht: An etlichen Stellen hat er das gute Schwarzpulver des Herrn von Buchwaldt das eigentlich für unsere Fryen Knechte vorgesehen war, hat anlegen lassen und angebrannt – rumms, fliegt alles in die Luft! Wenn ich nur an meine gute Wachstube im Torhaus denke, alles futsch … Vom Torhaus stehen nur die Grundmauern noch, innen drin ist damals alles verbrannt! Verfluchter Schwed‘. Auch sämtliche Wachtürme und der Wehrgang hinter der großen Mauer – verbrannt! Ein Wunder, dass die Zugbrücke noch steht!“


Von Hatten: „Das wird dauern und kosten, bis alles in alter Herrlichkeit und Pracht wieder aufgebaut ist. Mein lieber thor Borch, ob wir das noch miterleben werden? Dabei ging es doch anfangs gut an; wo, wenn nicht hier bei uns auf dem „Segeberger Schloss“ im Holsteinischen konnte ein solch bedeutender Convent abgehalten werden, wie weiland im Frühjahr 1621! Und es war auch höchste Not sich zu beraten – nachdem der Defenestration …“

Lennart Torstenson, General Schwedens

Jaroslav Borsita von Martinitz, königlich-bömischer Statthalter

Wilhelm Slavata von Chlum und Koschumberg, königlich-böhmischer Statthalter

Thor Borch blickte auf: „Hä? Euer Liebten, nach der was?“


Von Hatten: „Na, als die böhmischen Stände sich gegen die königlichen Statthalter Ferdinands verwahrten. Ihr wisst schon, Fenster auf und hopp den Martinitz und den Slawata! Angeblich mit Mariä Hilfe sind die beiden und ihr Sekretär noch lebend davongekommen. Dennoch kam es, wie es kommen musste: Der Ausbruch des böhmischen Kriegs und die Wahl dieses Hallodri von der Pfalz zum neuen König von Böhmen, wie hieß der noch gleich? Richtig, ‚Winterkönig‘!“ 

Herrmann von Hatten musste grinsen, die Bezeichnung war ein nur allzu treffender Spottname des Kurpfälzers Friedrichs V., der nach nur einem Winter seine böhmische Königskrone ja wieder einbüßte.

Jakob thor Borch verharrte mit seinen Erinnerungen noch in Segeberg: „Wenigstens hat die Zugbrücke seinerzeit den Schwedenbrand schadlos überstanden. Naja, so halbwegs wenigstens. So gelangt man bis heute zumindest ungehindert auf die Burg … Nur, was soll ein braver Mensch da oben noch? Alles ist ein riesiger Trümmerhaufen … Zum Glück hat der verfluchte Torstenson wenigstens die Stadt verschont; unsere schönen Häuser am Berg stehen ja alle noch recht unversehrt; nur hat der eine oder andere was auf’s Dach gekriegt – herunterfallende Trümmer von den Mauertürmen. Na, was soll’s, hat sich machen lassen.“


Von Hatten dachte weniger an die Burg. Seine Erinnerungen gingen weiter zurück bis zu den ersten Vorbereitungen zum Convent: „Und dann, mein lieber thor Borch, ging’s an, das Ungemach. Erste Erfolge der Unionierten konnten die Kaiserlichen ja doch wieder zurückschlagen und im Nichtangriffsvertrag von Ulm im seligen Jahre 1620 haben sich die Protestanten dann mächtig über den Tisch ziehen lassen, die Heere der Liga marschierten fröhlich nach Böhmen ein und setzten im November den eitlen Friedrich in Prag an die frische Luft. Nach der Schlacht am Weißen Berg musste der eitle Gockel dann Hals über Kopf aus der Burg und in die Prager Altstadt fliehen und am nächsten Tag von dort nach Breslau. Das Schlammassel war längst in vollem Gange ... Mein Gott, thor Borch, wenn ich nur daran denke!“

Friedrich V., Kurfürst von der Pfalz und „Winterkönig“ von Böhmen

Jakob thor Borch hörte gar nicht hin. Die verwickelten Konflikte der beteiligten Parteien lagen für ihn viel zu weit zurück – inzwischen an die dreißig Jahre. Und weite Landstriche im Heiligen Römischen Reich lagen seitdem verheert und wüste darnieder. Ohnehin hatte er die Zusammenhänge, die Motive der Akteur, die Abläufe der kriegerischen Konflikte und das ganze blutige Drumherum nie wirklich durchschaut. An die einstige Pracht des Schlosses, hoch oben auf dem Gipfel des Felsens über dem Städtchen Segeberg hegte er dagegen sehr konkrete Erinnerungen: „Ich weiß noch, euer Liebten“ hob er an, „wie der stolze Friedrich in seinem sechsspännigen Reisewagen die steile Rampe zum Torhaus hinauffuhr. Etliche Segeberger waren abkommandiert, dem Gefährt in die Speichen zu greifen, damit die schwere Karosse ja nur nicht ins Halten kam oder auf der steinernen Rampe gar zurückrollte. Als der Wagen dann auf dem Vorhof zum Stillstand kam und Friedrich die Paradetreppe zur Hauptburg bestieg, staunte er nicht schlecht – auf eine derart mächtige Burganlage hatte er im Holsteinischen mit Sicherheit nicht gezählt.“


Daran erinnerte Hermann von Hatten sich ebenfalls sehr genau. Mit hochgezogenen Brauen streckte er seinen rechten Zeigefinger ‘gen Himmel: „Jahaaa, dies‘ letzte Stück seiner langen Fahrt, mein lieber thor Borch, sollte nun auch noch zu schaffen sein – nachdem der Pfälzer von Prag über Schlesien und Brandenburg, über Wolfenbüttel bis hin nach Lübeck gelangt war. Am 22. Februar des seligen Jahres 1621 fuhr sein staubbedeckter Reisewagen in Lübeck ein und wurde in der Königstraße abgeschirrt. Besonders willkommen war er dort, wie eigentlich überall, nicht mehr. Aber nach acht Tagen wohlfährig genossener Gastfreundschaft reiste der Möchtegernkönig durch‘s Holstentor wieder aus und geradewegs auf’s Segebergische zu, denn er hatte sich ja wohl selbst zu dem Convent auf das Segeberger Schloss eingeladen. Ein Erfolg der Zusammenkunft auf dem Kalkberge, gegen den gottgewollten Ferdinand, musste damals aber längst schon als unwahrscheinlich gelten …“

Ferdinand II., Kaiser der Heiligen Römischen Reiches

Thor Borch verstand nicht: „Wie meint Ihr das, euer Liebten? Das Treffen auf dem Kalkberg fand doch statt?“


Von Hatten: „Ja, Menschenskind – die Protestanten waren sich doch aber viel zu lange selbst nicht einig! Jeder verfolgte nur seine eigenen Interessen. Darüber sprach ich oft mit unserem seligen Herrn Amtmann, Marquart Penzen, bis die Kriegsfurie auch diesen braven Mann verschlang – in der glücklosen Schlacht bei Lutter. So hatte der Kurpfälzer Friedrich gar schon in Breslau seine Räte Camerarius und Plessen nach dem Norden geschickt, um

Marquard von Pentz, Amtmann von Segeberg und Generalkommissar des niedersächsischen Reichskreises

mit Christian IV., Gustav II. Adolf und mit den Fürsten des niedersächsischen Kreises um Unterstützung beim Erhalt seines pfälzischen Stammsitzes zu verhandeln. Und sein Vermittler, Herzog Adolf von Holstein-Sonderburg, war bereits vor Jahresende 1620 damit bei König Christian eingetroffen. Der Däne dagegen war zunächst entschlossen, neben anderen Fürsten des niedersächsischen Kreises auch die Vermittlung zu weiteren Potentaten aufzunehmen, um angesichts der Bedrohung auch Norddeutschlands durch Spinola nur ja alle Feindseligkeiten untereinander einzustellen. Tatsächlich hatte er in erster Linie wohl nur das Erzstift Bremen im Blick, das er für seinen Sohn Friedrich auserkoren hatte. Bei der Opposition spielte der trunksüchtige Bierjörge von Sachsen – ebenso „gut protestantisch“, wie seine Glaubensgenossen – wiederum nicht mit; der verlangte unverhohlen, erst einmal habe die Unterwerfung des Winterkönigs beim Kaiser zu erfolgen.“

König Christian IV. von Dänemark, Herzog von Holstein

Gustav II. Adolf, König von Schweden

Ambrosius Spinola, Spanischer Generalleutnant

Friedrich III., König von Dänemark

Johann Georg I., Kurfürst von Sachsen

Thor Borch kratzte sich verlegen am Kopf. Die Sache war ihm über denselben gewachsen: „Mit so hochmögenden Persönlichkeiten wie dem Segeberger Amtmann stand ich nie im Verkehr – und noch höherstehenden Würdenträgern war ich nur auf meinem Posten auf der Burgwacht begegnet, mit der gebotenen dienstbaren Ehrfurcht, versteht sich. Meine Anweisungen hatte ich stets nur aus dem Kreise der vier Segeberger Amtsmänner erhalten, allenfalls noch von einem der beiden amtierenden Bürgermeister.“ Dankbar und nicht ohne Stolz über seine Bekanntschaft mit dem hochmögenden Schlossvogt blickte er zu von Hatten hinüber. Seine Erzählungen sog er auf, wie ein trockenes Schweißtuch, wenngleich er auch nicht viel verstand von den internationalen Konflikten jener Tage.


Unbeeindruckt fuhr von Hatten in seinen Ausführungen fort: „Und damit nicht genug, mein lieber thor Borch! Hinzu kamen die niederländischen Generalstaaten – seit 1609 de facto befreit vom spanischen Joch – die nun die Freundschaft Dänemarks suchten … und damit die Eifersucht Schwedens heraufbeschworen, das nun daselbst die Nähe der Generalstaaten suchte. Und mit dem ehrwürdigen Motto der Niederländer ‚Friede und Freundschaft mit den nordischen Mächten und Friede dieser Mächte untereinander‘ kam natürlich die Überzeugung der Vereinigten niederländischen Generalstaaten zum Ausdruck, dass der Grundstock ihres Reichtums, der Handel, nur im Frieden gedeihen konnte. Einer Annäherung Schwedens an die Generalstaaten folgten also Verträge mit den Hansestädten, so dass sich im protestantischen Lager zuletzt gar zwei Parteien mehr oder weniger feindlich belauerten: Auf der einen Seite standen Dänemark und die Fürsten des niedersächsischen Reichskreises von Braunschweig und von Lüneburg, auf der anderen Seite die Niederländer und die Hansestädte, denen sich Schweden anschloss, während England sich bemühte, beiden Seiten gleich nahezustehen und zu vermitteln suchte. Doch als die Gesandten der Generalstaaten auf ihrer Reise durch das Reich Fürsten und Städte zum Beitritt zur Union bewegen wollten, antworteten besonders laut die Städte Hamburg und Lübeck nur mit Klagen gegenüber einem übergriffigen Dänenkönig, während wiederum die Fürsten Befürchtungen äußerten, dass die Städte künftig gleichberechtigt neben ihnen stehen würden. Und so ging es in Einem fort – Eifersucht, Ränkespiele und Allianzen allenthalben.“ Von Hatten blinzelte vorsichtig in Richtung Jakob thor Borch. Der einstige Wachenvorsteher glotzte schafsköpfig vor sich hin. Es war klar, dass er gar kein Verhältnis zu all dem hatte und kaum etwas davon verstand. 


Herrmann von Hatten kümmerte das nicht, um so ungehemmter brachen seine Erinnerungen aus ihm hervor: „Schon im Sommer 1620 eroberte der spanische Heerführer Ambrosio Spinola aus Flandern kommend die linksrheinische Pfalz. Auch wenn er sich im Frühjahr 1621 wieder nach Flandern zurückgezogen hatte, verblieb seine 11.000 Mann starke Garnison doch in der Pfalz. Erst die Nachricht von der Schlacht am Weißen Berge hatte einen endgültigen Stillstand der kriegerischen Aktionen am Rhein bewirkt, aber Spinola blieb dort eine ständige Bedrohung! Spätestens mit der Niederlage der Protestanten vor Prag im November 1620 und der Befürchtung, dass der Kaiser den Krieg nun auch nach Norddeutschland ausdehnen könnte, wurde der Union klar: Sie musste handeln! So beschloss sie eilig, Dänemark um Hilfe zu ersuchen. Als Mitglied und als Nachbar des Reichs konnte Christian Vier sich den norddeutschen Angelegenheiten nicht mehr entziehen.“ 


Jakob thor Borch staunte: „Von all diesen Ereignissen hatte ich damals wirklich gar nichts mitbekommen. In Norddeutschland, in Holsten und ganz besonders im braven Städtchen Segeberg war es bis dahin wie immer: ruhig und mit der üblichen Portion Beschaulichkeit auch gänzlich unbesorgt. Erst, als die ersten Nahrichten eines Fürstentages eintrafen, der auf dem Segeberger Schloss stattfinden sollte, begann die Gerüchteküche in der Stadt zu brodeln. Was noch alles Schlimmes folgen sollte, war damals noch wahrlich nicht zu denken …“

Von Hatten wusste Näheres: „Kann ich mir denken, mein lieber thor Borch. Aber auch andernorts begannen hektische Vorbereitungen. Die Generalstaaten übergaben zunächst Moritz von Oranien die Vollmacht, Verhandlungen mit Dänemark zu Gunsten der Union einzuleiten. Und der Prinz lenkte seine Wahl auf den gewandten Diplomaten Caspar von Vosbergen, der sich umgehend auf Geheimreise nach Dänemark begab und Christian dem Vierten dieses Namens erklärte, er könne bei allem, was er zu Gunsten der Union unternehmen würde, auf Hilfe der Staaten rechnen. Auch den niedersächsischen Kreis, dem der König als Herzog von Holstein ja daselbst angehörte, sollte er zur Mitwirkung gegen den Kaiser gewinnen. Am 6. Januar des Jahres 1621 traf Vosbergen auf seiner Reise nach Kopenhagen in Koldingen dann auf den Gesandten der Union, den hessischen Marschall Dietrich von dem Werder; der hatte es angesichts der Niederlage der Protestanten in der Schlacht am Weißen Berge bei allem diplomatischen Bemühungen einfach nicht vermocht, den Dänenkönig zum Kriegseintritt zu bewegen.

Moritz von Oranien, Fürst, Statthalter und Kapitän-General der Niederlande

Noch am 18. Januar 1621 bekräftigte Vosbergen in einer schriftlichen Note an den Dänenkönig aber, angesichts der Lage der Dinge in Böhmen, in der Pfalz, im Reiche und eigentlich in ganz Europa sei eine evangelische Allianz nötiger denn je und die Generalstaaten seien bereit, ihn als Anführer des niedersächsischen Kreises zu unterstützen. Vosbergen vermochte es zuletzt, die Zweifel König Christians an der Loyalität der Fürsten des niedersächsischen Reichskreises zu zerstreuen und riet ihm, den künftigen Kreistag gar nicht erst abzuwarten, sondern gleich selber einen Fürstentag zur Schaffung einer protestantischen Allianz einzuberufen. Somit erreichte Vosbergen die Zustimmung König Christians zu einem Convent, die kurz darauf bei uns auf der Siegesburg im sicheren Holstein ja denn auch stattfinden sollte.“ Herrmann von Hattens Gesichtszüge hellten sich bei dieser Bemerkung deutlich auf. 


Thor Borch: „Ah, jetzt kommt unser kleines Städtchen ins Spiel, will sagen unser prächtiges Schloss oben auf dem Kalkfelsen …“ Sein Gesicht hellte sich ebenfalls auf, aber nur kurz, denn Herrmann von Hatten entgegnete ihm: „Noch nicht zugleich, denn widrige Umstände standen einer baldigen Zusammenkunft zunächst im Weg.

Christian Friis, Kanzler Dänemarks

 Zwar hatte der feiste Christian bereits am 25. Januar Einladungen an mehrere Fürsten ergehen lassen, aber in jenem Winter verhinderte der vereiste Belt bis weit in den Februar das Reisen und folglich auch den notwendigen Zusammentritt des Reichsraths, der nun erst am 12. Februar stattfinden konnte. Aber drei weitere Tage darauf erhielt der niederländische Gesandte Vosbergen die Antwort des Dänischen Kanzlers Christian Friis, König Christian sei nun bereit, das Reich von der spanischen Invasion zu befreien. Jedoch nicht der Hilferuf der Union würde ihn dazu bewegen, vielmehr sei die Erhaltung der Pfalz sein Ziel sowie im Allgemeinen seine Freundschaft zu den Vereinigten Generalstaaten und im Besonderen zum Prinzen von Oranien. Diese Beteuerung erhielt Vosbergen am 18. Februar auch von König Christian, nachdem der Reichsrath bereits am 16. Februar den Beschluss zur Rüstung gefasst hatte.

Corfitz Ulfeldt, Reichshofmeister und Kanzler Dänemarks

Zugleich hatte König Christian den Gesandten darüber unterrichtet, dass er auch den Schwedenkönig Gustav II. Adolf nach Segeberg eingeladen habe und hoffe, dessen Antwort werde günstig ausfallen. Mit der königlichen Zusicherung, sich neben England, Schweden, den Fürsten des niedersächsischen Kreises und den Generalstaaten der ‚evangelischen Sache‘ anzunehmen, wurde in Kopenhagen nun eiligst Reichsgraf Corfitz Ulfeldt nach den Haag für einen Abschluss der Verhandlungen abgesandt, während Vosbergen sich am 19. Februar 1621 beruhigt Richtung Lübeck und Hamburg aufmachen konnte, wo er im März die Städte zum Beitritt einlud. Doch mehr als Argwohn und Klagen gegen Dänemark war zu seinem Verdruss in den Hansestädten nicht zu ernten.“


„Wann, euer Liebten, setzte denn nun der Convent ein?“ Jakob thor Borch wurde ungeduldig, er wollte nun endlich wieder von seiner Burg hören, auf der er so lange Wachdienst verrichtet hatte und die ihm dabei zur zweiten Heimat geworden war.

„Na, genau jetzt, mein getreuer thor Borch.“ Herrmann von Hatten war in seinem Element. Auch nach über 25 Jahren standen ihm alle Ereignisse und auch die kleinsten Details noch deutlich vor Augen. „Als Vosbergen auf seiner Weiterfahrt nach Hamburg am 8. März 1621 in Ebstorf mit dem Trunkenbold und Taugenichts, Friedrich Ulrich von Braunschweig und mit Christian II. von Braunschweig-Lüneburg, dem ‚Tollen Halberstädter‘ zusammentraf – beide waren mit Gefolge auf der Anreise nach Segeberg – forderten die Fürsten ihn auf, mit nach Segeberg zu gehen; Vosbergen jedoch schlug diese Aufforderung vehement aus und blieb dem Convent auch weiterhin fern. Bereits am nächsten Tag, dem 9. März 1621, traf der königliche Gastgeber Christian IV. auf der Siegesburg ein, sodass der ‚Segeberger Convent‘ fortan seinen Lauf nehmen konnte. Gerhard Rantzau, der Statthalter Christians IV. in den Herzogtümern daselbst, hatte im Namen des Königs im mächtigen Rittersaal des Palas‘ die Eröffnungsrede gehalten und sogleich für die Aufstellung eines Heeres aus niederländischen, schottischen und englischen Verbündeten geworben. 

Und die Anzahl der Teilnehmer, mein getreuer thor Borch, wuchs auch nach der offiziellen Eröffnung weiter an, aber nicht alle Fürsten, an die Einladungen Christians ergangen waren, sind in Segeberg dann wirklich erschienen: Die Mecklenburger Fürsten ließen sich, einer verholenden Ablehnung gleichkommend, entschuldigen und auch der Schwedenkönig Gustav Adolf war nicht nach Segeberg gekommen und hat natürlich auch keinen Gesandten geschickt. So stellte sich heraus, dass sich zunächst nur der verrückte Friedrich Ulrich und der Tolle Halberstädter persönlich auf der Segeberger Burg eingefunden hatten – beide Fürsten waren in ihrem Kriegseifer jedoch schon mit der Ausrüstung ihrer Heere beschäftigt und konnten ein Losschlagen kaum erwarten. Dann erreichte am 10. März der böhmische Winterkönig das Segeberger Schloss, nachdem dieser auf seiner Flucht bereits am 14. Februar die Elbe bei Harburg überquert und sich nach einigen Tagen Aufenthalt in Hamburg weiter in Richtung Lübeck aufgemacht hatte.

Friedrich Ulrich, Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel-Lüneburg

Christian II., Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel-Lüneburg, „Der Tolle Halberstädter“

Gerhard Rantzau, dänischer Statthalter in Schleswig-Holstein

Am 22. Februar erreichte der Reisewagen des gestürzten Königs das Holstentor, und nachdem er auch hier für einige Tage eine fragwürdige Gastfreundschaft genossen hatte, ging es weiter ins nahe Segeberg, denn er wünschte, mit Christian IV. persönlich zusammenzutreffen – natürlich nur, um für seine pfälzische Angelegenheit zu werben …“


Jakob thor Borch räusperte sich, um respektvoll zu ergänzen: „Ja, an die Aufregung im Städtchen erinnere ich mich sehr gut, euer Liebden. Ich musste selbst als Vorsteher der Wachmannschaft tagelang persönlich Dienst am Burgtor leisten. Aber von dort oben konnte ich das aufgeregte Treiben unten in der Stadt gut beobachten: Wieviel Bedienstete, wie viele Pferde, wie viele Wagen mussten da untergebracht werden in den kleinen Häusern am Bergfuss? Auf der Burg war da längst nicht alles unterzubringen – und der Convent sollte dort oben ja auch möglichst ohne Störungen verlaufen. Wir hatten trotzdem reichlich viel zu tun im Torhaus, wenn ich nur an all die Bediensteten denke, die ständig ein und aus gehen und von uns Wachen an der Zugbrücke kontrolliert werden mussten …“ Der ehemalige Wachen-Chef kam ins Schwärmen.

Jakob I., König von England

Elisabeth Stuart, Kurfürstin von der Pfalz und Königin von Böhmen

Jakob thor Borch konnte seinen Unmut nicht verbergen. Der Kreistag in Lüneburg interessierte ihn überhaupt nicht. Auch wenn dort die nächsten Schritte in den Abgrund beschritten worden seien sollen – was hatte er als Erster Wachmann auf der Siegesburg damit noch zu tun? Herrmann von Hatten bemerkte es, und so kam er in seinen Erinnerungen auf das Ende des Segeberger Convents auch nicht weiter zu sprechen. Strenggenommen, so seine Schlussfolgerung, war der Segeberger Convent auch nicht sehr rühmlich zu Ende gegangen. Von allem, was auf dem Segeberger Schloss in Richtung eines Kriegsbündnisses zwischen England, den Generalstaaten und der Union gegen den Kaiser besprochen worden war, gelangte letztlich nur eine dänische Gesandtschaft an den Kaiser zur Ausführung: Darin die entschiedene Aufforderung an 

Ferdinand II., seine Politik gegen die Pfalz und die Unionsfürsten tunlichst aufzugeben, wo Friedrich V. nun doch seinerseits den Kampf gegen den Kaiser eingestellt habe. 

Schläfrig geworden sinnierte Herrmann von Hatten in der Mittagshitze weiter vor sich hin, aber plötzlich entfuhr es ihm: „Das war doch eine denkbar magere Ausbeute nach dem ganzen Wirbel auf dem Convent, nicht wahr mein lieber thor Borch?“ 


Jakob thor Borch schreckte auf. Auch er kämpfte mit einer trägen Mittagsmüdigkeit. Wo war von Hatten inzwischen angelangt? Ausgiebig kratzte er sich im Nacken, dann glotzte seinen Gesprächspartner träge von der Seite an. 


Der Schlossvogt hob erneut an: „So waren die fürstlichen und städtischen Delegationen schon Ende März wieder abgereist, nachdem der Winterkönig die Burg bereits als erster verlassen und – abermals über Lübeck – seine Flucht bis nach den Generalstaaten fortgesetzt hatte, wo er zuletzt am 13. April 1621 in seinem endgültigen Exil in Den Haag eingetroffen und für den Rest seines Lebens zur Untätigkeit verdammt geblieben war. Und auch die Stände auf dem niedersächsischen Kreistag in Lüneburg verharrten zunächst in Unentschlossenheit, nachdem sie vernommen hatten, dass die Union sich nun tatsächlich dem Kaiser unterworfen hatte. Konsequenterweise löste sich der Zusammenschluss dann auf dem Unionstag in Heilbronn am 24. April 1621 auch selbst auf. So konnte Christian von dort ebenfalls keine Unterstützung mehr erwarten. Und auch die Verhandlungen mit den Staaten gingen viel zu langsam von statten, während alle Aussicht auf eine militärische Unterstützung durch England sich längst zerschlagen hatte. Erst, nachdem die protestantische Seite in den Kurpfälzer Kriegen mächtige Verluste erlitten hatte, konnte Christian mit französischen Geldern und Söldnern aus dem Niedersächsischen Reichskreis den Krieg gegen Habsburgs Tilly und Wallenstein wieder aufnehmen. Doch die Sache endete in Lutter 1626 bekanntlich tragisch und mit dem Frieden von Lübeck 1629 schied Dänemark dann gänzlich aus dem weiteren Kriegsgeschehen, das sich elendig noch bis ins jetzige Jahr hinziehen sollte, aus.“ 

Von Hatten stutze kurz, dann setzte er feierlich hinzu: „Aber …, mein lieber thor Borch …, trotz aller Erfolglosigkeit wird man sich noch in 400 Jahren dieses bedeutsamen Ereignisses auf der Siegesburg erinnern, und das Großereignis wird mit Sicherheit in aller gebotener Ehrfurcht und gebührendem Respekt in feierlichen Jubiläumsveranstaltungen in Erinnerung gerufen werden – in Erinnerung an eine Zeit, in der Segeberg mit seiner mächtigen Burganlage hoch über den Dächern der Stadt beinahe eine entscheidende Rolle im zurückliegenden Krieg eingenommen hätte. Oder was meint ihr, thor Borch?“

Graf Johann T’Serclaes von Tilly, Heerführer der katholischen Liga

Jakob thor Borch schüttelte nur den Kopf …


Dann übermannte beide Männer die Müdigkeit und tiefer Schlummer umfing die beiden ungleichen Herren im Schatten unter der Linde. Über ihren Köpfen brannte die heiße Mittagssonne auf die Reste der Siegesburg erbarmungslos hernieder.

Albrecht Wenzel Eusebius von Wallenstein, Generalissimus und Oberbefehlshaber der kaiserlichen Armee

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Segeberger-Schnapphähne-Aktion-August-2019

Bei Herrmann von Hatten lösten die banalen Erinnerungen thor Borchs eine kurze Verstimmung aus; doch schnell hatte er sich wieder gefasst: „… Die Reihe der Gäste auf der Burg wuchs weiter an; schon am 15. März konnte Christian IV. den Vertreter der Protestantischen Union, Dietrich von dem Werder auf dem Segeberger Schloss empfangen, wo er den Gesandten des Landgrafs Moritz von Hessen umgehend mit seiner nunmehrigen Bereitschaft zur Führung einer protestantischen Gegenwehr überraschte. Von seiner Entschlossenheit zum Gegenschlag konnten ihn nun auch Zauderer wie der bierselige Kurfürst Johann Georg nicht mehr abbringen und so sandte der Dänenkönig von Segeberg aus eine Aufforderung an den unsicheren Bundesgenossen in Sachsen, sich bis zum 4. Mai zu erklären, was einer unverhohlenen Drohung gleichkam. Schon am 14. März war der Gesandte König Jakobs von England, Robert Anstruther, auf der Segeberger Burg eingetroffen. Dieser erschien jedoch ausdrücklich nicht als Vertreter Englands und wollte sich mit dem Anliegen seines königlichen Herrn bis zum Ende des Convents zunächst auch bedeckt halten. Erst auf Drängen des Dänenkönigs bekannte Anstruther, auf eine militärische Unterstützung König Jakobs bräuchte Christian ja nun nicht mehr bestehen, da die böhmische Sache sich mit der Schlacht vor Prag inzwischen geregelt hätte und auch Jakobs Schwiegersohn, Friedrich V. sich in seine Unterwerfung weitgehend eingefunden hätte; jetzt wäre der englische König – mit Verhandlungen und mit Anleihen, die als Geschenk an seine Tochter, Elisabeth Stuart bereits geleistet wären – somit nur noch bemüht, sich aus allen militärischen Abenteuern herauszuhalten. Für Christian war das eine herbe Ernüchterung, mein lieber thor Borch. Ich sehe sein betrübtes Gesicht jener Tage noch genau vor mir. Dennoch hoffte Christian immer noch, mit Hilfe seiner Unterstützer eine Armee von 30.000 Mann auf die Beine zu bringen. Nach der Absage aus England war er umso mehr auf eine Mitwirkung des niedersächsischen Kreises angewiesen und erwartete – nach der Einigung mit den beiden Fürsten aus Braunschweig und Lüneburg – auch die übrigen Stände mit sich fortzureißen; die notwendigen Beschlüsse darüber sollten auf dem nächsten Kreistag des niedersächsischen Kreises im April gefasst werden.“

Moritz von Hessen, Landgraf von Hessen-Kassel

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